Vom Gamer zum Gärtner

19.05.2020 18:00

Vom Gamer zum Gärtner – oder: Wenn die Henne gackert

Das Wetter passt so gar nicht zu unserem heutigen Interviewpartner: Die Regentropfen laufen die Fensterscheiben hinab, vereinzelt mischen sich Schneeflocken dazwischen und für die kommende Nacht wurde Bodenfrost angesagt. Bei derartigen Wetterkapriolen Anfang April, nachdem der vergangene Winter so mild ausgefallen ist, stellen sich den Hobbygärtnern schon mal die Nackenhaare auf.

Der 22-jährige Lukas hat gestern seine Kartoffeln in die Erde gebracht, macht sich aber keine Sorgen, denn alles ist frostsicher eingepackt. Der Junggärtner kommt aus einer kleinen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen und hat vor etwas mehr als vier Jahren das Gärtnern für sich entdeckt.

„Früher, wenn ich nach der Schule oder der Ausbildung nach Hause kam, bin ich vorm PC versackt“, erklärt Lukas uns, „ich habe gezockt oder YouTube geschaut“. Aber die Videos auf der bekannten Plattform haben sein Leben verändert. Dort stieß er nämlich auf den Kanal von Selbstversorger Rigotti, der wohl der angesagteste Kanalbetreiber im Garten- und Selbstversorgerbereich des deutschsprachigen Raums ist. Lukas war fasziniert von Rigottis Videos und stellte sich das erste Mal die Frage, wo eigentlich das ganze Gemüse im Supermarkt herkommt. Mit zarten 17 Jahren begann er, mit einem Folien-Etagen-Gewächshaus auf dem Balkon sein eigenes Gemüse zu ziehen. Kurz danach wurden es zehn Quadratmeter bei seiner Mutter im Garten; der erste eigene Kleingarten folgte ein paar Monate später. Mittlerweile kauft er – bis auf wenige Ausnahmen in den Wintermonaten – kein Gemüse mehr, denn er versorgt sich, seine Familie und Freunde fast ganzjährig mit frischem Grünzeug.

Lukas’ Mama hat schon immer Gemüse im eigenen Garten für die Familie angepflanzt und sein Papa hat für den Stadtverband gearbeitet, beim Bäumepflanzen durfte Klein-Lukas auch öfters mal mit. Unser Junggärtner ist also nicht von schlechten Eltern, diese haben einen Teil ihrer Leidenschaft sicher an den Sohn weitergegeben.

Mittlerweile bewirtschaftet Lukas den dritten Kleingarten mit knapp 600 Quadratmetern Fläche zum Austoben. Der gelernte Sanitärinstallateur kann aber nicht nur Pflänzchen, sondern auch Federvieh und nennt eine kleine Hühnertruppe sein Eigen. Lukas’ persönlicher Feder-Star: Helga, die äußert mitteilsame und keineswegs kamerascheue weiße Henne. Der Freizeitgärtner verrät uns mit einem Schmunzeln: „Helga ist wirklich ein verrücktes Huhn!“. Die knuddelige Henne stiehlt ihm vor der Kamera gerne mal die Show und gackert, was das Zeug hält. Auch wir sind ganz vernarrt in das neugierige Federvieh. Die Zutraulichkeit erklärt sich Lukas so: Helga war sein erstes Huhn, er hat sie im Alter von vier oder fünf Wochen vom Züchter geholt und viel mit der Hand gefüttert. „Die anderen Federviecher wollen meist nicht so viel von mir wissen, außer es gibt Futter“, lacht der Hühnerflüsterer.

Mit seiner Leidenschaft fürs Federvieh hat er mittlerweile auch seine Verlobte Viktoria angesteckt. „Erst hatte sie großen Respekt vor meiner Hühnerschar und blieb lieber auf Abstand“, schmunzelt er, „aber nun ist das gar kein Problem mehr, sodass sie hin und wieder das Füttern übernimmt “. Wahrscheinlich ist auch die Baldehefrau einfach Helgas unvergleichlichem Charme erlegen. Bloß Lukas’ Schwester macht nach wie vor einen großen Bogen um den Hühnerstall. Wir gehen aber davon aus, dass das Therapeutenhuhn Helga auch noch das Herz der Schwester erobern wird. Gib alles, Helga!

Nun aber zurück zum Garten. Wir wollen von Lukas wissen, wie er zum Thema Mischkulturen in den Beeten steht? „Ich pflanze zum Beispiel Knoblauch zu meinen Erdbeeren“, erklärt uns der Gartenliebhaber, „ansonsten halte ich mich persönlich an die Regel: Was auf dem Teller gut zusammenpasst, das passt auch gut zusammen ins Beet“. Das klingt logisch für uns. Nun wollen wir erfahren, wie er es mit Chemie und Düngung in seinem Garten hält. „Also Chemie kommt mir nicht an meine Pflänzchen!“, sagt er sehr bestimmt. „Ich dünge nur mit natürlichen Stoffen. Wenn ich feststelle, dass es zu Mangelerscheinungen kommt, dann habe ich bisher mit Brennnesseljauche gegossen. Aber dank meiner neuen Trenntoilette, habe ich jetzt sogar die Möglichkeit, meinen eigenen Mist als Dünger zu verwenden“. Die nährstoffreiche Jauche aus Wasser und Brennnesseln nutzt er übrigens auch als natürliches Schädlingsbekämpfungsmittel, beispielsweise bei Blattlausbefall.

Beim Thema natürliche Schädlingsbekämpfung hat Lukas noch den einen oder anderen Tipp für uns: Gegen Mehltaubefall besprüht er speziell Zucchini, Tomaten, Kürbis und andere anfällige Sorten frühzeitig mit Milch. Allerdings funktioniert das nur mit frischer Milch. H-Milch ist dafür ungeeignet. Kohlsorten, Salat und Zwiebelgewächse überspannt er von vornherein mit Netzen, um den Schädlingsfliegen so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten.

Jetzt aber auch mal Hand aufs Herz: Gibt es ein Gewächs, das dem Hobbyzüchter einfach nicht gelingen will? Lukas antwortet prompt: „Auberginen! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber das Nachtschattengewächs wird bei mir einfach nichts“. Es beruhigt uns ein bisschen, dass auch ihm nicht alles gelingt. Wenn man all die tollen Prachtgärten in den einschlägigen Magazinen sieht, dann scheint es so, als ob alle anderen immer mindestens zwei grüne Daumen haben, nur man selber nicht. Aber wir versichern euch: Es gibt immer etwas, das einfach nicht wachsen will. Bei den Kildwickern ist es Rhabarber. 

Ganz nach seinem Vorbild – Selbstversorger Rigotti – hat Lukas einen eigenen YouTube-Kanal mit dem Namen „Freizeitgarten“ ins Leben gerufen, der aktuell über 1600 Abonnenten hat. Wir möchten wissen, wie er auf diese Idee kam? „Ich finde es wichtig, den Menschen da draußen etwas mitzugeben“, sagt Lukas. „Ich selbst bin mein bestes Fallbeispiel. Geht raus in die Natur, pflanzt euer eigenes Obst und Gemüse, statt vorm Computer zu sitzen. Ihr atmet frische Luft, bewegt euch draußen, ihr tut etwas für eure Seele, die Gesundheit und auch für die Umwelt. Die Follower-Zahlen sind mir nicht so wichtig. Ich freue mich über jede einzelne Person, die ich mit meinen Videos erreiche und der ich Lust aufs Gärtnern mache. Speziell jungen Menschen möchte ich zeigen, dass es eine sehr lebenswerte, faszinierende und befriedigende Welt jenseits des Bildschirms gibt“.

Weiterhin stellt der Freizeitgärtner fest: „Mein Leben hat sich durch die Gartenarbeit sehr zum Positiven verändert. Ich habe viele gleichgesinnte Menschen kennengelernt, beispielsweise wurde ich schon nach Erftstadt aufs Garten-YouTuber-Treffen eingeladen. Dort durfte ich, obwohl ich gerade erst mit Gärtnern angefangen hatte, die ganzen Kollegen zum Erfahrungsaustausch treffen. Das war ein unglaublich tolles Erlebnis!“. Auch regelmäßige Einladungen zu Saatgutfestivals bekommt der YouTuber.

Nun wollen wir von Lukas noch ein bisschen über seine Tätigkeit als Filmemacher wissen. Wie häufig stellt er seine selbst gedrehten und geschnittenen „Erklärbär-Spots“ ein? „Ich versuche, jeden Sonntag eine Folge hochzuladen. Im Winter ist das allerdings etwas schwierig, da im Garten natürlich weniger zu tun ist“, erklärt er uns. Neugierig wie wir sind, möchten wir erfahren, wie er seine Videos aufnimmt? „Ich nehme alleine mit einem Stativ auf. Und um ehrlich zu sein: Es darf auch keiner dabei sein, denn eigentlich bin ich unglaublich schüchtern“, verrät uns Lukas.

Die Schüchternheit merkt man ihm und den Videos keineswegs an. Vielmehr stellen wir fest, dass der Junggärtner sehr authentisch und sympathisch rüberkommt. Die Folgen sind abwechslungsreich gestaltet, mal gibt es einen Gartenrundgang, mal Anzuchttipps, dann bekommen die Hühner einen Gastauftritt oder er präsentiert leckere Rezepte auf dem BBQ-Grill.

Aktuell nimmt er seine Zuschauer beim Aufbau seines neuen Gartens mit. Die Hühner sind in einen Teil des Wohnwagens gezogen – Lukas’ Fans kennen den weiß-grünen Wohnanhänger schon aus älteren Folgen. Das nächste Projekt: Das Badezimmer im WoWa wird umgebaut. Und nun kommen wir wieder ins Spiel …

Da Lukas’ Garten keine Anbindung an die Kanalisation hat, er aber unbedingt eine Toilette brauchte, hat er sich auf die Suche nach einer Alternativlösung gemacht und ist bei uns gelandet. Schwer begeistert, wie er uns versichert – und das will was meinen, denn als Sanitärinstallateur weiß er schließlich, wovon er spricht. „Ich habe mich für das EasyLoo entschieden, weil es alle meine Probleme löst. Ich brauche weder Wasser, noch Chemie, noch irgendeinen Anschluss. Die Komposttoilette bietet mir als Selbstversorger sogar noch jede Menge Vorteile, denn ich kann sowohl das Feste als auch das Flüssige zum Düngen verwenden. Meine Verlobte und ich nehmen keine Medikamente, also optimale Bedingungen, um die natürlichen Kreisläufe zu schließen. Zwar bin ich mir noch nicht sicher, ob meine Nachbarn vor Freude in die Luft springen, wenn ich ihnen meine mit Urin gedüngten Tomaten anbiete, aber wir werden sehen“, schmunzelt er.

Lukas ist sich in einem Punkt ganz sicher: „Wenn die Menschen bereit wären, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen, dann würde ihnen schnell klarwerden, dass das ein absolut normaler Prozess ist, aus dem man ganz viel Positives ziehen kann“.

Wir müssen ehrlich anerkennen: Solche Worte von einem so jungen Menschen finden wir schon sehr beeindruckend. Da soll mal noch einer behaupten, die junge Generation wäre zu verhätschelt und würde sich keine Gedanken um die Zukunft machen. Mit Lukas wächst eine neue Generation heran, die das Potenzial hat, die Welt zu verändern. Und wenn wir als Kildwick einen Teil dazu beitragen können, sind wir unglaublich stolz.

Übrigens: Wenn der Gartenprofi mal nicht Gartengerät, Videokamera oder Hühnerfutter in der Hand hält, dann restauriert er alte Motorräder und ist regelmäßig bei Ausfahrten dabei. Die Angelrute nimmt er zur Abwechslung ebenfalls gerne in die Hand.

Das größte Erlebnis im Jahr 2020 steht ihm übrigens noch bevor – und das hat ausnahmsweise nichts mit Pflanzen oder Hühnern zu tun. Im September wird nämlich geheiratet. Wir freuen uns bereits jetzt für die beiden, denn das Couple funktioniert schon im Garten optimal. Viktoria sorgt dafür, dass alles schön blüht, während Lukas das Obst und Gemüse unter Kontrolle hat – also ein absolutes Dreamteam!

Wenn auch du begeistert bist von Lukas, seiner Blumenfee Viktoria und natürlich von Henne Helga, dann einen (grünen) Daumen hoch auf YouTube und abonnieren. Apropos abonnieren: Den Freizeitgarten gibt’s ebenso auf Instagram inklusive toller Bilder mit Helga. Und Lukas – hast du schon mal darüber nachgedacht, eigene Autogrammkarten für Helga zu entwerfen? Wir fänden das fast schon angemessen.